Verantwortung

17. Februar 2013 - 13:57 |

Liebe Piraten,

wir müssen reden. Über Verantwortung und was es heißt, sich ihr zu stellen. Ich weiß, dass dies kein sehr beliebtes Thema ist. Aber es geht nicht anders.

Wir haben eine Verantwortung übernommen. Wir sind als Partei angetreten, um das politische System zu reformieren. Wir haben große Versprechen abgegeben - von Transparenz, von "Politik mal ander5", von Sachlichkeit statt Personenbezug und von Ehrlichkeit in der Politik.

Mit diesen Versprechen sind wir in Umfragen auf 13% gekommen, real in Wahlen auf 8,9%. Das sind Ergebnisse, von denen andere Parteien nur träumen können. Und genau deshalb haben wir eine Verantwortung für diese Ziele. Denn weil es uns gibt, konnte Andere unseren Platz nicht einnehmen. Wir haben unser Wort gegeben - und daran müssen wir uns jetzt endlich halten.

Diese Verantwortung gilt für jeden einzelnen Piraten. Und jeder, der lieber über andere schimpft, als sich einfach um SACHpolitik zu kümmern, verletzt diese Ziele, entzieht sich dieser Verantwortung. Jeder, der lieber private Kommunikation leakt, als sich dem Disput zu stellen, entzieht sich dieser Verantwortung. Jeder, der lieber ob einer persönlichen Befindlichkeit die Einigung verhindert, entzieht sich dieser Verantwortung.

Ich möchte dies nicht mehr. Ich möchte, dass wir uns endlich wieder dieser Verantwortung stellen und sie uns bewusst machen.

Das ist keine Forderung an den ominösen Schwarm. Es gibt keine Schwarmverantwortung. Genauso wenig, wie es Schwarmkompetenz gibt – es gibt nur die Ansammlung von einzelnen Kompetenzen, die sich zu etwas größerem Ergänzen. Und so gibt es Verantwortung nur ganz persönlich. Verantwortung trägt JEDER EINZELNE. Verantwortung kann man nicht delegieren. Ich würde jetzt gerne ein „I want YOU to accept YOUR responsiblity“-Plakat bauen, aber ich bin als Designer völlig unbegabt.
Konkreter: Egal ob es nun beispielsweise eine Parteihaltung zu einem Thema gibt – stimmt ein Abgeordneter einem Antrag im Bundestag zu, so trägt er oder sie ganz persönlich die Verantwortung dafür. Und genau kann sich beispielsweise auch ein Vorstand nicht zurückziehen und sagen „die Basis hat mich aber gewählt, sie trägt die Verantwortung für mein Handeln“ - nein. Die Verantwortung trägt man immer selbst. Man kann auch nicht sagen „Der Vorstand ist schuld an der schlechten Stimmung“ und gleichzeitig offen über jemand herziehen.
Und ob man zurücktritt oder nicht, das entscheidet jeder einzelne für sich., das kann und darf man nicht auf eine Umfrage delegieren. Man kann das eigene Verhalten fremd reflektieren lassen und Zufriedenheitswerte erheben – sicherlich. Aber man muss die Selbstreflektion immer noch selbst durchführen und die eigenen Schlüsse ziehen.

Und genau das verlange ich von jedem von euch: Reflektiert über euer eigenes Verhalten. Denkt darüber nach, wo ihr ganz persönlich gegen unsere Ziele und Ideale verstoßt, wo ihr selbst der Verantwortung nicht gerecht werdet. Und dann ändert das. Fordert Veränderungen nicht immer von Anderen, lebt es durch gute Beispiele vor.

Übertragen auf die unsägliche Personaldebatte, die unverantwortlicher Weise immer und immer wieder aufgefrischt wurde, bis sie zum Selbstläufer wurde: Was soll eine Neuwahl bringen? Der nächste Bundesvorstand wird vor genau der gleichen Diskussion stehen, genau die gleichen Probleme und Zwistigkeiten vor sich sehen. Solange nicht jeder für sich die Verantwortung für sein Handeln übernimmt, solange wird eine Neuwahl auch nichts ändern. Und ohne Neuwahl wird auch nichts gewonnen sein, solange nicht die Mitglieder des Bundesvorstandes ihrer Verantwortung gerecht werden und sich dieser auch ganz persönlich stellen.

Ich bin gegen Neuwahlen, weil ich programmatische Festlegungen für wichtiger halte, als Personaldebatten. Aber schlussendlich ist es mir egal – ich verlange nur eines: Ein Ende der unsinnigen Verantwortungsdelegationen und Debatten. Egal ob es Neuwahlen gibt oder nicht, werdet eurer Verantwortung gerecht und akzeptiert dann auch die Entscheidung – oder verschwindet. Politik ist zu wichtig um sie ständig persönlichen Befindlichkeiten zu opfern.

Macht euch endlich klar, dass jeder einzelne von uns seine ganz persönliche Verantwortung hat. Und dann akzeptiert sie mit allen Konsequenzen.

Blog reactions

No reactions yet.
Tags:

Creative Commons Attribution 3.0 Germany
This Work, Verantwortung, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

Flattr
  1. Michael (nicht überprüft) on 27. Februar 2013 - 1:46

    Hallo Sebastian,

    danke für das Mitteilen deiner Gedanken!

    Als Piratenwähler hat man es echt nicht leicht in letzter Zeit - deinen Worten kann ich deswegen voll und ganz zustimmen.
    Ich selbst hatte vor einiger Zeit den Mitgliedantrag ausgedruckt und unterschrieben in meinen Händen, bereit zum Abschicken. Nur wegen meines angeborenen Drangs Dinge mehrmals zu hinterfragen, wollte ich noch ein paar Nächte drüber schlafen und das ist bis heute so geblieben.
    Ich kann mir einfach nicht vorstellen meine Energie und meinen Einsatz für eine Partei zu "opfern" in der so unprofessionell miteinander umgegangen wird. Die Grundprinzipien und -versprechen, wie du es so gut in diesem Eintrag formulierst und einfach der "Spirit" des Neuem, das man wirklich etwas bewegen kann geht immer weiter zu Grunde.
    Maßlos bin ich zudem enttäuscht worden über den Umgang von MdA und MdL, BuVo untereinander - in den Mailinglisten, Klagewellen und Drohungen... Das Verhalten was hier an den Tag gelegt wird, hat nichts mehr mit Bürgernähe oder Transparenz und Meinungsfreiheit zu tun - es grenzt eher an einer Frechheit.
    Nun ist das Kind aber halt in den Brunnen gefallen ("Das Internet vergisst nie") und die Medien greifen diese Zustände natürlich auf - es liegt leider in ihrer Natur.

    Die Frage die Ihr euch im BuVo sicherlich stellt: "Wie soll es weiter gehen?". Da wird es wohl keine einfache Antwort drauf geben. Meineserachtens ist ein guter Ansatz das Appellieren an die Piratenwerte, so wie du es mit hier zum Thema Verantwortungsbewusstsein machst. Hier müsste von vielen anderen Seiten die an die "gute Sache" glauben noch viel mehr kommen. Gerade mit Sichtfeld auf die BTW sollten die Piraten sich wieder zusammenreißen und als Einheit auftreten können.

    Meiner Meinung nach seid ihr hier als BuVo besonders gefordert, in dem ihr untereinander Aussprachen sucht und anschließend mit den Landesverbänden. Ich denke erst wenn das geschafft werden kann wird ein "Aha-Effekt" eintreten können und Piraten können sich wieder auf den Fokus konzentrieren.
    Ich persönlich würde mich sehr darüber freuen und ihr würdet damit auch vielen anderen Sympathisanten helfen das Kreuzchen mit weniger Bauchschmerzen zu machen und sich in die Partei zu integrieren!

    Ich wünsche euch viel Erfolg und verbleibe mit herzlichem Gruß,

    Michael.

  2. hirnbloggade (nicht überprüft) on 18. Februar 2013 - 10:35

    Lieber Sebastian,

    das klingt alles schön, was Du da schreibst, allerdings ist Dein Verantwortungsbegriff problematisch. Man merkt das recht schnell, weil Dein Appell, dass sich jeder seiner Verantwortung stellen soll, abstrakt bleibt. Was bedeutet das, sich seiner Verantwortung zu stellen?

    Du konstruierst hier einen Begriff von persönlicher Verantwortung und umgibst ihn mit Selbstreflexion und "das entscheidet jeder für sich selbst" etc.

    Verantwortung ist eben nichts, was jeder für sich selbst wahrnimmt, sondern es bedeutet, dass man sich jemandem anderen gegenüber verantworten muss, Rede und Antwort stehen muss.

    Wenn Du sagst, dass Du Dich Deiner Verantwortung stellen willst, und dies auch "mit allen Konsequenzen" von anderen forderst, dann stellen sich für mich folgende konkretisierende Fragen:

    1. Wem gegenüber fühlst Du Dich verantwortlich?
    2. Welche Konsequenzen hälst Du für möglich, falls Deine Antworten bei dieser/n Person/en nicht auf Verständnis oder Zufriedenheit treffen?
    3. Was bedeutet für Dich konkret, Dich Deiner Verantwortung zu stellen? Dich einer Wahl zu stellen schließt Du aus, was dann?

    Ich freue mich auf Antwort.

    Beste Grüße

    Stefan

  3. Stilfragen gibt es auch für die Piraten › By Horst Schulte › (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 20:57

    [...] 20:57 Uhr – Ich sag es ja: Verantwortung | Sebastian Nerz Piraten Stilfragen [...]

  4. Kurhof (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 18:54

    Hallo Meister Nerz,
    die Piraten sind in Berlin und sonst auch zu 50-80% durch die BGE/..Wähler mit sozialer Richtung.
    Die wollen und können Sie nicht vertreten.
    Und BuBernd auch nicht - viel zu Bourgeois & Beamtig für die Piraten.
    Schade daß Sie sich so ernst & Piraten-Idee so wenig ernst nehmen.

  5. Gast (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 18:31

    Grundsätzliche Zustimmung, insbesondere bzgl. Verantwortung für die Ziele sowie Kongruenz von Anspruch und Wirklichkeit. Verantwortung tragen oder sich dieser bewusst zu sein, heißt allerdings noch nicht, sie auch ausfüllen zu können. Jeder agiert aus seiner Sicht "verantwortlich".
    Ende letzten Jahres fühlte ich mich wie vor den Kopf geschlagen, als ich von der Gründung des F. Kollegiums erfuhr - und wie viele BuVos, LaVos und Kandidaten sich in einer Art "Elite-Piraten" meinten organisieren zu müssen, nachdem sie sich zuvor von der Basis hatten wählen lassen.
    Einen Tag lang überlegte ich den Austritt. Danach mein Blickwinkel: der gesellschaftliche Reformstau wird bleiben und die PP ist aktuell m.E. die einzige relevante pol. Plattform, wo Wege aus dem enormen Reformstau in allen seinen Aspekten (z.T. heftig, z.T. tiefgründig) debattiert werden. Es ist völlig normal, dass in der Öffentichkeit ein so buntes Bild entsteht. - Vorstände und Kandidaten kann man hingegen abwählen bzw. nicht (wieder) wählen.
    Daher habe ich meinen Mitgliedsbeitrag auch für 2013 entrichtet. Mehr gibt's nur, wenn ich das Gefühl habe, dass diejenigen, die Versprechen abgeben (ja: und oft ohne Anerkennung Opfer auf sich nehmen!), sich ihrer "Amts-Verantwortung" stellen.
    Ist die Personaldecke für Ämter und Mandate dick genug hinsichtlich Können & Wollen? Nur mit einer gewollten *und* gekonnten parteiinternen "Inklusion" wird auch die Achtung in der "Öffentlichkeit" erlangt werden. Und in aufeinander angewiesenen Teams ist ohne gekonnte Bereinigung von persönlichen Differenzen eine Sacharbeit erfahrungsgemäß unmöglich. Gegebenenfalls ist Austausch das einzig wirksame Mittel. Im Falle einer strukturellen "Mission Impossible" braucht es aber umfassendere Lösungen ...

  6. Schreber (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 18:02

    Bei jeder neuen Sache der Piraten lach ich mich krumm, von Bällebad über Weisband-Interview bis Ponader vs. Lauer. Und dieser Artikel gehört auch dazu, haha :-)

  7. turtle of doom (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 14:59

    Man darf nur keine Scheu haben, von der CDU abzuschauen, wie so ein Laden läuft.

    Die CDU ist aus guten Gründen unwählbar, aber man hat Vertrauen darin, für was die Leute stehen. Bei den Piraten ist es umgekehrt.

    Bei der CDU steht Merkels Pressesprecher oder Volker Kauder hin und gibt seinen Senf ab, ohne dass dann 20 oder 30% der Parteimitglieder sagen, sie könnten nicht dahinterstehen.

    Vertrauen und Loyalität ist möglich, ohne dass man gleich Parteisoldaten heranzüchtet. Man muss zur Erkenntnis kommen, dass sich viele Dinge nicht sofort verändern lassen.

    Man soll sich auf vorläufige Ziele einigen, und bis diese erreicht sind, müssen alle an einem Strick ziehen.

    Wenn die Piraten dann einige Ziele erreicht haben, können sie nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit Erfolge vorweisen, sondern auch können gegenüber sich selbst sagen: Wir bringen etwas zustande.

    Wenn die Piraten das nicht schaffen, finde ich es traurig. Dass die Generation Netzwelt zu einer gemeinsamen Stimme findet ist eine einmalige Chance. Wir dürfen nicht darauf warten, bis die Gesellschaft nochmals einen Umbruch erlebt und sich neue Chancen auftun.

  8. Konni Scheller (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 19:41

    die Leisen, die vielen, die arbeiten, gehen in dem Gepöbel unter.

    Dazu kommt, dass Journalisten gerne solche Streithansel interviewen und das spektakuläre betonen.

    Und "Der Deutsche hat es gern geschlossen" (Volker Pispers). "Die dürfen ruhig Quatsch reden, Hauptsache sie sind sich einig." - So funktioniert die CDU. Das möchte ich aber bei den Piraten nicht.

    Es sind immer die Leute, die (vorerst) außerhalb des Mainstreams sind, die die Gesellschaft voranbringen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

    Achja, hallo David :-)

    Servus,
    Konni

  9. maik06 (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 14:58

    Du verlangst von uns Piraten ... über uns selbst zu reflektieren, ob unser Verhalten gegen unsere Ziele und Ideale verstösst. Dies setzt voraus, dass viele "Basispiraten" und vor allem unsere Funktionäre erst mal die Ziele und Ideale unserer Partei kennen! Bist du dir sicher das jeder das Wort Reflektion kennt?
    Wenn unser Programm noch grösser wird .. dann wirds noch schwieriger Die Kultur braucht Zeit. Man kann insgesamt aber erwarten, das unsere gewählten Vorstände die piratigen Ideale und Ziele selbst leben und damit eine Vorbildfunktion wahrnehmen.

  10. Smurfgalore (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 15:31

    Interessanter Ansatz, UNS dazu aufzufordern, unser Verhalten und unsere Verantwortung zu reflektieren.

    Bin ich der einzige, der den Blogpost übersehen hat, in dem du das öffentlich mit dir selbst tust?
    Bin ich der einzige, dem auffällt, dass du in dem selben Blogpost, in dem du Reflexion aller forderst, über Johannes Ponader herziehst?
    Bin ich der Einzige, dem das ziemlich bigott vorkommt?

    Du bist wieder ein bisschen unglaubwürdiger geworden.

    "In einer Hierarchie, die alle zur Verantwortung zieht, ist Unverantwortlichkeit allein fähig, die Hierarchie beim Namen zu rufen." (Adorno)

  11. Gast (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 23:09

    Verantwortung zu übernehmen, lieber Tirsales, würde in Deinem Fall bedeuten: Tritt zurück und geh zur CDU.

    Für die Piraten bist Du nicht gemacht. Da braucht es Leute wie Ponader und Weisband, nicht Karrieretiger wie Dich.

  12. Gast (nicht überprüft) on 17. Februar 2013 - 23:57

    You made my day!

    Allein mit dem bedingungslosen Grundeinkommen hättet ihr rocken können. DM Chef Götz Werner im Schlepptau und Abfahrt.

    Naja, jetzt geht die Stimme halt neben den Kasten.

    Gruß