Die Piraten und die Professionalisierung

10. Dezember 2010 - 11:46 |

Der Bundesvorstand der Piratenpartei hat heute seine Entscheidung über den Bundesparteitag 2011.1 vertagt. Vorab möchte ich sagen, dass ich nichts gegen die Vertagung einzuwenden habe … aber ich möchte die Gelegenheit nutzen ein allgemeines Problem anzusprechen: Professionalisierung.

Eine Kleinigkeit sei mir davor noch erlaubt: Ich wundere mich etwas über die Rückkopplung von manchen Bundesvorständen, dass sie 35.000€ zu viel finden. Ganz ehrlich, wenn man eine Ausschreibung über 35.000€ herausgibt, dann sollte man sich nicht wundern, wenn eine Antwort über 35.000€ kommt. Wenn das zu viel ist, sollte man die Ausschreibung anders schreiben. Soviel Ehrlichkeit würde ich eigentlich erwarten. Abgesehen davon ist die Aufgabe nicht einen möglichst billigen BPT zu liefern - sondern den bestmöglichen innerhalb der Ausschreibungsrichtlinien.

Die Piraten sind eine relativ kleine und neue Partei – wir wollen aber mit den ganz Großen spielen. Wir kandidieren bei den Landtagswahlen 2011 nicht weil die Kandidatur ein PR-Stunt ist, sondern weil wir in die Parlamente wollen. Und da müssen wir bestimmte Spielregeln beachten. Eine dieser Spielregeln ist, dass wir der Presse etwas bieten müssen – hübsche Bilder, gute Reden, etc. Nicht weil sich die Presse nur dafür interessiert, sondern weil die Videopresse am Ende eine kurze, wenige Sekunden lange Zusammenfassung haben will. Das muss nicht bedeuten, dass wir unsere Identität aufgeben müssen oder dass wir unsere Inhalte nach der Außenwirkung richten sollten – aber wenn wir unsere Inhalte mit dunklem Parkett besser präsentieren können als mit hellem, was solls. Anders gefragt: Was ist uns wichtiger - unsere Inhalte oder die Farbe des Parketts?

Jetzt aber zu dem Problem, das mir persönlich eigentlich am Herzen liegt und wegen dem ich schreiben wollte: Die Zeit unserer Mitglieder. Viele Aktive bei den Piraten, insbesondere aber die besonders Aktiven, sind primär oder ausschließlich mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt. Ich selbst würde mich beispielsweise auch lieber mit politischen Fragen beschäftigen als mit Problemen wie „welchen Ethernet-Switch nehmen wir zur Verkabelung beim Parteitag“. Derzeit komme ich eigentlich gar nicht mehr dazu, mich wirklich politisch einzubringen – wenn ich einen Blogeintrag verfasse ist das schon viel. Das liegt nicht an mangelndem Zeitaufwand, das liegt ausschließlich an der Belastung durch organisatorische Arbeit.

Die Organisation eines Parteitages ist nun viel Aufwand – ich rede hier aus der Erfahrung des LPT 2010.1 und des BzPT 2009 (beide in Tübingen). Dennoch: Als vom Bundesvorstand die Frage kam, ob Baden-Württemberg den Bundesparteitag 2011 gerne vor der Landtagswahl hätte war uns klar, dass das eine gute Sache ist. Ein BPT bringt Medienaufmerksamkeit – und diese Aufmerksamkeit brauchen wir als Partei. Wir MÜSSEN unsere Inhalte in die Presse bringen – und ein BPT ist derzeit eine gute Gelegenheit dazu. Ich glaube, dass die Piraten DIE neue Partei schlecht hin sind. Wir bringen ein neues Verständnis für Demokratie und Politik und wir haben die Antworten der Informationsgesellschaft und das als bisher einzige Partei. Würden mehr Menschen uns kennen, wäre die Wahl in die Parlamente absolut kein Problem.

Klar war aber auch, dass wir den BPT nicht in der „klassischen Weise“ stemmen können – wenn wir uns um jeden Kleinkram kümmern müssen (vgl. die Frage nach dem Ethernet-Switch) kostet es organisatorisch zu viel Zeit. Dazu kommt noch, dass der Aufbau eines Parteitages viel Zeit kosten kann (alleine die Bestuhlung frisst mehrere Tage wenn man sie auf eine Person rechnet), entsprechendes gilt für das Netzwerk, die Stromversorgung, die Audio-Einrichtungen, etc. Diesen Zeitaufwand könnte Baden-Württemberg NICHT stemmen. Ja, der große Landesverband Baden-Württemberg mit seinen knapp 1500 bezahlenden (!) Mitgliedern könnte das nicht machen.

Deshalb haben wir uns etwas anderes überlegt: Wir haben einen BPT geplant, bei dem ein Großteil der Zeitaufwendungen von Partei-externen kommt. Die Internetversorgung? Eine Firma in Karlsruhe, die die Halle kennt, alle Hardware hat und Funktionsfähigkeit von der ersten Minute liefern kann. Bestuhlung? Macht das Hallenpersonal. Audioanlage? Fest eingebaut. etc..

Anders ausgedrückt: Die wertvolle Zeit der Parteimitglieder wird gespart – wir können uns auf den Wahlkampf und die politische Arbeit konzentrieren anstatt uns mit organisatorischem Klein-Klein zu beschäftigen. Diese politische Arbeit ist es übrigens, was wir eigentlich als Partei machen wollen. Die Orgaarbeit ist notwendig, die politische Arbeit aber der Sinn warum es die Partei überhaupt gibt – sollten wir dann nicht versuchen möglichst viel Zeit politisch aufzuwenden statt organisatorisch?  

Derzeit bleiben einige politische Themen liegen und das ist schade. Sollten wir dann nicht versuchen mehr Zeit für die Politik zu haben?

Die bisherigen BPTs haben aus ihrem Budget das Beste gemacht, das ist völlig unbestritten. Unter Berücksichtigung der Finanzmittel und der vorhandenen Arbeitskraft war beispielsweise der BPT in Chemnitz genial! Ich gebe es ganz offen zu: Mit den Mitteln, die Chemnitz hatte, hätte ich keinen auch nur annähernd so guten BPT organisieren können. Aber: Sollten wir nicht ständig danach suchen es noch besser zu machen? Und besser kostet dann eben mehr Geld.
Auch in Chemnitz sind wieder Stunden verloren gegangen weil das Netzwerk nicht getan hat. Wenn man hier von Anfang an etwas mehr Geld in die Hand genommen hätte, hätten wir vielleicht eine Stunde mehr Zeit gehabt um über Inhalte zu reden.
Chemnitz war konstruktiv – wäre es dann nicht schön gewesen nochmal eine Stunde länger diskutieren zu können? Wäre es nicht schön gewesen, wenn die wertvolle Zeit mehrerer hundert Mitglieder geschont worden wäre? Eine Stunde Bundesparteitag kostet bei 800 Teilnehmern ca 20.000 EUR, wenn von Arbeitskosten in Höhe von 25 EUR pro Stunde angenommen werden.

Wäre es nicht schön, wenn wir in der Presse mal lesen würden, dass der BPT von der ersten Minute an perfekt lief, anstatt „nach einem chaotischen Anfang“?

Karlsruhe will das liefern. Ja, es würde mehr Geld kosten. Sehr viel mehr Geld. Und ja, hätten Chemnitz oder Bingen dieses Budget zur Verfügung gehabt, wäre dort mehr möglich gewesen. Aber sollten wir dann nicht versuchen es 2011 besser zu machen? Karlsruhe ist ein Modell eines professioneller organisierten Bundesparteitages. Die Zeit unserer Mitglieder wird geschont, politische Arbeit steht im Vordergrund und der BPT könnte von der ersten Minute an klappen (und falls nicht haben wir Ansprechpartner die wir treten können). Ich finde es eine gute Idee.

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  1. SD (nicht überprüft) on 10. Dezember 2010 - 12:20

    Vielleicht kann man ja eine Mittelweg gehen und versuchen technisch unkritische Sachen wie z.B. die Bestuhlung selber zu stemmen.

    Wenn die Parteienfinanzierung rollt, hat sich das Problem wahrscheinlich eh so ziemlich erledigt. Bis dahin müssen wir halt noch irgendwie überbrücken. ;)

  2. tirsales on 10. Dezember 2010 - 12:23

    Dann fallen höhere Kosten an weil man die Räume länger anmieten muss. Die Kosten für die Bestuhlung sind nicht so hoch wie die Hallenmiete ;) Zudem bieten Hallen mit Serviceanbietern gar nicht die Möglichkeit selbst zu bestuhlen.

  3. Sekor (nicht überprüft) on 10. Dezember 2010 - 12:01

    Vielleicht ist unser Problem, dass vielen die Farbe des Parketts wichtiger als unser politisches Ziel ist? Vielleicht ist unser Problem, dass für zu viele die Farbe des Parketts das eigenliche Ziel ist? Vielleicht kommen wir deswegen aus den endlosen Diskussionen nicht heraus?

    Lass Dich nicht beirren, Deine Richtung stimmt :)

    Grüße

    Stefan

  4. Robert Streng (nicht überprüft) on 10. Dezember 2010 - 12:47

    Sehr guter Beitrag, nur Flattr vermiss ich irgendwie ;)

  5. Carsten (nicht überprüft) on 10. Dezember 2010 - 14:21

    Done! :)

  6. tirsales on 10. Dezember 2010 - 13:07

    Flattr habe ich bewusst nicht eingebunden, vgl hier.Aber ich kann natürlich gerne Flattr hier extra zur Verfügung stellen ;) Flattr-Link

  7. Flecky (nicht überprüft) on 12. Dezember 2010 - 17:58

    Sehr richtig! Gerade im Vorfeld der LTW müssen wir uns primär auf die Politik konzentrieren können. Vor allem dürfen wir nicht den Fehler machen, den Medien ein ähnliches Chaos wie in Bingen zu präsentieren. Dazu gehört eine reibungslos funktionierende Orga genauso wie angemessene Umgangsformen untereinander.