Explizit ohne Bezug zu aktuellen Diskussionen in der Piratenpartei möchte ich hier ein paar Gedanken zum Spannungsfeld "Meinungsfreiheit/Anonymität und Transparenz" sagen.

Wenn ich eine potentiell unbequeme oder unbeliebte Meinung offen sagen möchte – kann ich dies nur tun wenn ich entweder sehr mutig bin … oder anonym. Wenn anonyme Meinungen verboten werden – alternativ jede Meinung unter einem nachvollziehbaren Pseudonym getätigt werden muss – werden unbequeme oder unbeliebte Meinungen unterdrückt. Ein Gruppenzwang entsteht in dem Minderheiten sich nicht mehr äußern können. Das ist eine beliebte Methode diktatorischer Systeme – Wahlen werden namentlich getätigt, Dissidenten fallen entsprechend sofort auf.

Meinungsfreiheit ist die Freiheit die eigene Meinung ohne Angst vor Konsequenzen sagen zu können – egal welcher Art die Konsequenzen wären. Es wäre beispielsweise schwierig die eigene Firma zu kritisieren wenn ich befürchten muss, dass mein Chef mir das übelnimmt – wenn ich die Äußerung dagegen (weitgehend) anonynm abgeben kann … kann ich mich wieder äußern.

Der Verzicht auf Anonymität ist damit einer der größten Fehler den eine Gesellschaft machen kann.

Ein Spannungsfeld entsteht mit Bezug auf Transparenz – Transparenz betrifft meiner Meinung nach aber Entscheidungsträger, Abgeordnete, staatliche Stellen etc im Bezug auf ihre Tätigkeit – nicht den normalen Bürger. Ich möchte als Bürger meine Meinung anonym äußern können – in der Funktion als Vorstandsmitglied beispielsweise sind meine Vorstandsbezogenen Arbeiten transparent zu gestalten, meine Privatmeinung (oder auch Meinungen ohne Vorstandsbezug) ist davon nicht notwendigerweise betroffen. Eine Behörde muss ihre Arbeit transparent gestalten, nicht aber das Privatleben ihrer Beamten.

 

Ein zugegebenermaßen etwas langwieriges Beispiel – die Frage des Weingeschmacks:

Ob ich privat der Ansicht bin, dass Rotwein gut schmeckt beeinflusst meine Arbeit als Vorstandsmitglied nicht und ist daher für diese ohne Belang. Entsprechend gibt es auch keinen Grund "Transparenz in der Weinfrage" zu fordern.
Sollte die Vorstandsarbeit die Entscheidung zwischen zwei Weinsorten erfordern, so kann der persönliche Geschmack durchaus Entscheidungsrelevant sein. Transparenz bedeutet, dass nachvollzogen werden kann wer wo wann warum was entschieden hat – entsprechend müsste der persönliche Geschmack dann als Grund angegeben werden. Aber bis dahin ist die Frage "Weiß oder Rot" erstmal nichts für Transparenz - sie hat dagegen viel mit Anonymität und Privatsphäre zu tun.

Wer wissen will ob ich lieber Rot- oder Weißwein trinke, kann mich fragen – und vielleicht erhält er dann auch die Antwort, dass ich gar keinen Wein trinke. Verpflichtet zu einer Antwort wäre ich aber nicht – es ist meine private Entscheidung. Selbst wenn der Fragesteller angibt, dass er seine Wahl von meinem Weingeschmack abhängig macht, wird dies daran nichts ändern: Es ist eine private Entscheidung, keine "berufliche" (wie geschrieben – eine Vorstandsentscheidung über Weine oder Weinanbau wäre gegebenenfalls ein anderes Thema).

Edit: Validom hat einen dazu passenden Blogbeitrag: Sind alle Parteimitglieder auch Politiker?

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  1. Zu Friedrichs Vorschlag Anonymität abzuschaffen | Tirsales G (nicht überprüft) on 7. August 2011 - 14:23

    [...] dabei ist Anonymität einer der Grundpfeiler der Meinungsfreiheit, Meinungsfreiheit wiederum ist einer der Grundpfeiler der [...]