Angesprochen auf Homöopathie

21. Juli 2010 - 15:27 |

Fläschen mit homöopathischen TablettenVia Twitter entspann sich kürzlich eine längere Diskussion über das Für und Wider von Homöopathie … Dabei wurde ich teilweise etwas missverstanden – und die 140 Zeichen Begrenzung macht komplexere Diskussionen auch nicht wirklich einfacher. Hier also ein Versuch meinen Standpunkt etwas klarer formuliert darzustellen. Ich verzichte absichtlich auf große Quellenangaben – ein Traktat über das Für und Wider von Homöopathie, dass meinen Ansprüchen an wiss. Belege genügt, sprengt den Umfang eines Blogbeitrags und v.A. meine zeitlichen Kapazitäten; ein Zwischending, dass diesen Ansprüchen nicht genügt hilft niemand.

Die Diskussion entzündete sich an der Frage ob die gesetzlichen Krankenkassen homöopathische Behandlungen bezahlen sollen oder nicht – Es ging nie um ein Verbot von H. sondern nur und ausschließlich um die Frage ob es im Pflichtenkatalog der GKV auftaucht oder nicht.

Ich bin ja bekanntermaßen ein Vertreter evidenzbasierter Wissenschaft und Medizin – und daher der Homöopathie nicht wirklich zugeneigt. Aber darum geht es nicht – es ist völlig unerheblich was ich persönlich denke oder meine. Die Frage dieser Diskussion reduziert sich mMn auf eine ganz einfach zu stellende:

Sollen die gesetzlichen Krankenkassen in der Abwägung was sie bezahlen müssen auf Basis wissenschaftlicher Beweise (Evidenz) arbeiten? Oder sollen sie schlicht alles bezahlen?

Die Frage ist schnell gestellt aber schwierig zu beantworten – schlussendlich ist es eine ideologische Frage, in der die Nebenwirkungen einer freien Behandlung (Kosten, Probleme durch nicht überprüfbare Therapien, etc) den Vorteilen (Behandlungsfreiheit, Wahlfreiheit) gegenüber abgewogen werden müssen. Ich versuche auch gar nicht das hier zu tun – sondern nur zu begründen warum genau das die eigentliche Frage ist und warum es für H. keine Ausnahmeregelungen geben sollte.

Neue Pharmazeutika müssen wissenschaftlich überprüft werden – auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen. Bei der Zulassung werden Nebenwirkungen und Wirksamkeit gegeneinander abgewogen (zumindest in der Theorie) und eine Mindestwirksamkeit wird verlangt. Die Art und Weise der Überprüfung ist sicherlich diskutierbar, genauso wie die Frage ob alle Ergebnisse veröffentlicht oder gemeldet werden müssen - die Forderung nach dem Beleg der Wirksamkeit wird aber eigentlich nie in Frage gestellt. Gleichzeitig fordern Vertreter der H., dass diese OHNE einen wiss. Beweis der Wirksamkeit bezahlt wird. Warum? Oder – anders formuliert – wie können wir bei H. fordern, dass diese ohne Beweis bezahlt wird, nicht aber bei Pharmazeutika?

Mir ist (auch nach längerer Beschäftigung mit dem Thema) keine einzige wiss. Studie bekannt, bei der bei Einhaltung der Regeln für med. Studien (ausreichend große Fallzahl, Doppelblind, etc) eine Wirksamkeit der H. gezeigt wurde, die größer war als der Placebo-Effekt. Im Gegenteil: Alle mir bekannten Metastudien zeigen, dass es für H. KEINE Wirksamkeitsnachweise gibt. Legt man an die H. nun die Regeln an, die für Pharmazeutika gelten … so dürfte man sie nicht bezahlen.
Ein häufiges Gegenargument ist, dass H. anders wirkt als Pharmazeutika – der Glaube des Patienten und des behandelnden Arztes seien immanent wichtig. Mir persönlich kräuselt es da immer die Zehennägel, aber gut – meine Meinung ist irrelevant. Es mag sein, dass unsere Regeln für wiss. Studien falsch sind. Dann müssen wir diese Regeln angehen und umformulieren – aber auch danach müssen wir die gleichen Regeln für Pharmazeutika, Homöopathie und Pilgerfahrten anlegen, es wäre ja möglich, dass die bisherigen Regeln auch bestimmte Pharmazeutika benachteiligen. (Merke erneut: Es geht mir hier ausschließlich um die Bezahlung dieser Maßnahmen als medizinische Therapie durch die GKV).

Will die Gesellschaft, dass die GKV alles bezahlen (unabhängig von wiss. Evidenz) oder will sie, dass nur gezahlt wird, was wiss. überprüfbar ist?

Beides lässt sich gut begründen, schlussendlich ist es eine Frage der persönlichen Einstellung und es ist die Frage, wie viel die zusätzliche (nicht überprüfbare) Behandlungsfreiheit der Gesellschaft wert ist.

Aber: Einfach zu verlangen "Bezahlt bitte H. weil ich's toll finde, bei Pharma bitte Nachweise und Bach-Blüten sind Unfug (sollten wir also weiter nicht zahlen)" macht keinen Sinn. Gleiches Recht für Alle – oder für niemanden, auch wenn's manchmal wirklich schwerfällt und dem persönlichen Glauben widerspricht. Aber Glaube ist noch lange kein Beweis und persönliche Erfahrung schon gar nicht. Patientenberichte sind keine wissenschaftlichen Beweise. Sie sind kaum oder gar nicht nachprüfbar und sie sind nicht auf andere Ärzte und Patienten übertragbar:

Ein guter Arzt der sich etwas Zeit nimmt kann vermutlich viele Patienten überzeugen, dass eine Salzwasserlösung gegen einige Beschwerden hilft … dann wird es das in sehr vielen Fällen auch tun. Warum auch nicht? Glaube versetzt bekanntlich Berge – besonders in der Medizin. Das heißt aber noch lange nicht, dass es wirklich die Salzwasserlösung ist … vielleicht ist es nur das Gespräch. Das Gespräch würde mit einer Zuckerlösung dann genauso wirken – die Salzwasserlösung aber nicht bei einem anderen Arzt (oder ohne Gespräch). Anders ausgedrückt: Die Salzwasserlösung wirkt ohne dass sie eine Wirksamkeit hat … Und genau deshalb zählen Patientenberichte nicht und wird (gegebenenfalls) ein Nachweis nach wiss. Regeln verlangt.

Der Glaube, dass H. hilft ist auch kein guter Ratgeber bei der Frage der Bezahlbarkeit - der nächste Politiker ist anderer Meinung oder glaubt an Bach-Blüten, der dritte nicht an Pharmazeutika und der vierte nur an Gesprächstherapie. Nein – entweder wir bezahlen nach wissenschaftlichen Regeln oder wir bezahlen alles.

Wenn wir uns nun dafür entscheiden alles zu bezahlen … dann bitte auch Pharmazeutika, Bach-Blütentherapie, Traditionelle chinesische Medizin aller Arten, Wasserentmagnetisierer und Alufolie zum Hütchen bauen (soll ja gegen Migräne helfen) (übrigens will ich diese Liste damit nicht auf eine Linie stellen). Oder wir behalten die Forderung nach wiss. Beweisen bei – und setzen sie überall durch.

Übrigens gibt es ein gutes Argument für "GKV zahlt nur was bewiesen wurde" – der Patient weiß es dann sofort. Der Patient weiß dann ganz direkt ob die vorgeschlagene Behandlungsmethode wiss. gut begründet ist – oder nicht. Und danach kann er entscheiden. Zahlt die GKV alles fällt dieses Merkmal weg (man könnte es natürlich dennoch einbauen – und sollte dies meiner Meinung nach dringend tun – aber bislang ist es nicht vorgesehen). Ich mag das Gefühl darauf vertrauen zu können, dass die Therapieformen die mein Arzt empfiehlt und meine Kasse zahlt zumindest geprüft wurden. Dass dennoch Risiken bestehen ist mir klar ;)

Meine eigene Meinung ist für die Beantwortung dieser Frage völlig unerheblich – auch wenn sie vermutlich deutlich rauskommt – aber wir sollten als Gesellschaft diese Frage ehrlich stellen, die Konsequenzen bedenken und beantworten. Und danach mit den Ergebnissen leben – und wenn wir fordern, dass Wirksamkeit bewiesen werden muss … dann muss H. sich eben den normalen wiss. Studien stellen oder es bleibt eine IGel-Leistung.

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  1. Nimue (nicht überprüft) on 21. Juli 2010 - 16:25

    Ich war in meinem Leben in 4 Krankenkassen und keine von denen hat homöopathische Medikamente bezahlt.

    Es kann auch nicht wirklich so viele Kassen geben, die das tun.

     

  2. Heiend (nicht überprüft) on 22. Juli 2010 - 11:15

    Etwa die Hälfte der ges. KKs übernehmen die homöopathische Behandlung ohne zusätzlichen Tarif, die Medikamente (auf die sich die Argumentation oben mit den wissenschaftlichen Beweisen scheinbar stützt) werden in der Regel auch von diesen KKs nicht gezahlt.

    Jedem Versicherten (Zahler) steht es also frei die ges. KK zu wählen, die sich in dieser Frage so verhält wie es ihm passt. Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit sind in dieser Angelegenheit also jetzt schon zu 100% gegeben.

    Wer sich nicht sicher ist was sein Arzt ihm an Hokuspokus antun möchte, kann jederzeit seinen Arzt fragen inwieweit vorgeschlagene Therapien wissenschaftlich gesichert sind. Auch hier ist jeder selber Herr der Lage und sollte sich natürlich nie unhinterfragt irgendeine Therapie antun. Das läuft unter dem Begriff "Mündiger Patient".

    Es gibt also keinerlei sachlichen Grund für die Forderung den ges. KKs die Übernahme der Kosten für homöopathische Behandlungen zu verbieten (die Forderung des SPD-Politikers, der den Stein ins Rollen gebracht hat). Jeder kann selber entscheiden ob er in eine KK einzahlen will die das zahlt oder nicht und kann mit seinem Arzt darüber reden was er akzeptiert oder nicht.

  3. tirsales on 22. Juli 2010 - 11:19

    Ob oder ob sie nicht zahlen ist völlig ohne Belang für die hier angesprochene Diskussion - auch ob oder ob nicht Homöopathie wirkt ist ohne Belang. Es ging mir nur darum darzustellen warum wir sagen müssen "Entweder wir zahlen evidenzbasiert oder wir zahlen ohne diese Forderung" - und dies dann eben durchhalten müssen.

    Wieso zahlen wir H. aber keine Bachblüten? Beide haben für ihre Anwendungsbereiche genau die gleiche Evidenz. Das ist eine Frage, auf die ich bislang noch von niemandem eine Antwort erhalten habe ;)

  4. Heiend (nicht überprüft) on 22. Juli 2010 - 12:26

    Die Homöopathie hat ja sogar eine wissenschaftliche Grundlage, denn die wurde ja mit einer empirischen Methode entwickelt. Aber es geht mir tatsächlich um die homöopathische Behandlung und die besteht nur in einem zu vernachlässigenden Teil aus der Gabe der Mittel, deren Wirkung nur teilweise nachgewiesen wurde. Nimm mal eine Arsen D3 über längere Zeit, wenn Du überhaupt ohne Ärztliche Verschreibung da ran kommst ;-) Du wirst eine Wirkung spüren.

    Die Behandlung besteht aus einer gründlichen Anamnese, und die Repertorisierung. Beides ist eine intensive Beschäftigung mit dem Patienten und diese Hinwendung des Arztes zu seinem Patienten ist in unendlich vielen Studien immer wieder als enorm wichtig für den Therapieerfolg erkannt worden. So sagt eine Studie, dass Patienten 35 bis 40 Prozent aller verordneten Medikamente nicht einnehmen, weil eine ausreichende Zuwendung des Arztes fehlt. Das ist katastrophal und zur Zeit hat ein Arzt die Möglichkeit dieses Problem zu lösen, indem er eine homöopathische Behandlung anbietet, durch die ihm Zeit gegeben wird sich mit seinem Patienten angemessen auseinander zu setzen. Normal hat ein Arzt jetzt 7 bis 8  Minuten für einen Patienten, durch die h. Behandlung ca. 1 bis 1,5 Stunden. Wenn nun das h. Mittel nicht wirken sollte ist kein Geld verschwendet worden (h. Mittel kosten normal deutlich unter 10,-, abzüglich der Rezeptgebühr und reichen Monate), denn der Arzt hat ja immer noch die fundierte Kenntnis über den Zustand seines Patienten und eine gute Beziehung aufgebaut, die ihm nun hilft eine bessere schulmedizinische Therapie durchzuführen, die eine extrem bessere Akzeptanz des Patienten findet.

    Und da ist es mir ehrlich gesagt piepschnurzegal wie es genannt wird. Homöopathie, Bachblüten, Pendeln, Kartenlegen. So lange der Arzt dadurch den Therapieerfolg verbessern kann, wird er im Endeffekt dem Gesundheitssystem viel Geld sparen. Das ist erwiesen. Früher, so etwa vor 30 Jahren hatte der Hausarzt viel mehr Zeit. Man wurde dauernd gründlich untersucht und er hatte viele Fragen und lies seine Patienten in der Regel ausreden (heute kommt die erste Unterbrechung durch den Arzt im Schnitt nach 20 Sek.). Damals wurden viel weniger Arzneimittel verschrieben und der Arzt hat versucht dem Pateinten dabei zu helfen selber gesund zu werden, wenn es irgendwie ging. So schnell wie heute habe ich früher nie ein Medikament verschireben bekommen.

    Ich denke daher, dass wir den Ärzten grundsätzlich wieder viel mehr Spielraum geben müssen und die homöopathische Behandlung bietet jetzt schon eine Möglichkeit für engagierte Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten bezahlt zu bekommen.

  5. tirsales on 22. Juli 2010 - 12:41

    Bei der Frage "braucht ein Arzt mehr Zeit für seine Patienten" würde ich dir SOFORT zustimmen - das aber völlig unabhängig von Homöopathie. Das ist aber von der Frage, die ich aufgeworfen habe, unabhängig. Mir geht es nur darum zu sagen "Entweder wir fordern bei den Mittelchen und Therapien einen Nachweis der Wirksamkeit oder nicht". (Gespräche haben einen solchen Nachweis, H. nicht.)

    Das die steigerung eines Behandlungserfolgs durch ausreichende Aufklärung und Patientengespräche erreicht wird ist völlig unstrittig - und erstmal unabhängig von der H. und muss auch davon unabhängig betrachtet werden. (Wenn Kassen für H. behandlungen mehr ärztliche Zeit bezahlen stellt sich die Frage, warum sie das für normale Behandlungsformen nicht auch tun - Teil der H. ist es erstmal nicht ;).)

    Aber auch hier noch einmal: Ob die Kassen nun homöopathische Mittel bezahlen oder nicht .. das ist nicht die Frage. Das ergibt sich aus der Frage ob sie wiss. Beweise fordern sollen oder nicht. Ein Bedarf an mehr Patientengesprächen stellt sich in jedem Fall ein (und wird durch Studien durchaus wiss. belegt)

  6. Heiend (nicht überprüft) on 22. Juli 2010 - 13:17

    Genau und daher meine ich: Scheiß auf wissenschaftlich evidenzbasierte Beweise ;-) Was der Arzt hinbekommt und weiß zählt und er darf natürlich gerne auf Studien und Forschungen zurückgreifen, wie auch der Patient wenn er sich informiert. Da gehen wir konform ;)

    Diese differenzierte Sichtweise, um die ging es mir die ganze Zeit. Und dass wir jetzt eine Tür zu einer besseren Behandlung nicht dadurch zustoßen sollten indem wir fordern "wenn nicht alles, dann gar nichts". Das ist die pragmatische Sichtweise auf die aktuelle konkrete Situation bezogen: Nutzen wir doch die Möglichkeiten die wir jetzt haben intelligent aus.

    Ich denke, dass wir uns einig darin sind, dass der Arzt letztendlich der einzige Fachmensch in diesem System ist, der konkret wirklich nützlich für den Patienten ist und wir ihn als unendbehrliche Fachperson im Gesundheitssystem fördern und nicht schwächen sollten.

    Also wäre es politisch vielleicht eine gute Lösung klar zu fordern, dass die Ärzte wieder die kompetenten Entscheider bei der Patientenbehandlung werden müssen, mit den Freiheiten, die so eine komplexe Aufgabe nun einmal benötigt. Nicht Politiker, Computer, die Ärztekammer oder Vorschriften können entscheiden was ein Patient wirklich braucht, das kann nur der behandelnde Arzt.

    Und das Türchen "Homöopathie" schlagen wir einfach nicht zu, bis wir wieder ein menschenorientiertes und -würdiges Gesundheitssystem haben ;-)

    Was meinst?

  7. tirsales on 22. Juli 2010 - 13:33

    Ich teile deinen Glauben an den Arzt nicht ganz ;) Es gibt sehr hochqualifizierte Ärzte - und es gibt Trottel in Weiß (als Beispiel: Der ehemalige Doktor Rath). Aber ja: Im Zweifelsfall sollten Arzt & Patient am Besten wissen, welche Therapie konkret für den Patienten am sinnvollsten ist - ein Gesundheitspolitiker kann das schon gar nicht beurteilen ;)

  8. Heiend (nicht überprüft) on 22. Juli 2010 - 13:49

    Hm. Ja. Nun, Fehler machen wir alle und nicht jeder ist immer ehrlich. Aber das sind Verschleißerscheinungen über die wir wahrscheinlich nicht reden müssen. Verlust ist immer dabei ;-) Und viellecht wird der eine oder andere Arzt auch besser wenn er seinen Beruf wieder richtig ausführen kann.

    Mir wollte einer den inneren Miniskus operieren, weil der gerissen sei. Am besten sofort! Ich habe mich nicht operieren lassen, dem Knie geht es prächtig und meine KK hat viel Geld gespart. Aber trotzdem müssen wir uns auf die Ärzte verlassen können und ein wenig Eigenverantwortung mitbringen.

    Dann wird das schon :D

  9. tirsales on 21. Juli 2010 - 18:58

    Es geht nicht darum ob sie es jetzt tun oder nicht (manche machens AFAIK mit Zusatztarifen, ka obs auch Kassen gibt die es regulär übernehmen). Es ging bei der Diskussion um eine allgemeine Debatte über das Thema – nicht immer ist ja der Status Quo der Beste ;)