Der Jugendmedienschutzin Deutschland ist ein seltsames Subjekt - ein politischer Selbstläufer, den seit seiner Einführung niemand mehr wirklich hinterfragt hat. Jugendschutz ist in Deutschland zur heiligen Kuh geworden - kein Politiker will sich vorwerfen lassen gegen Jugendschutz zu sein und die zugehörigen Ämter sind kontrolllose Monster geworden, die weitgehend ihre eigenen Regeln festlegen. In groben Zügen lässt sich Jugendschutz in Deutschland heutzutage auf folgende Leitlinien zusammenfassen:

  1. Kinder und Jugendliche müssen vor der Wirklichkeit beschützt werden.
  2. Dabei entscheiden aber weder die Eltern noch die Betroffenen über diesen Schutz, sondern ein Kommittee übernimmt dies.
  3. Dieses Kommittee kann selbstherrlich entscheiden - sinnvolle Einspruchs- oder Überprüfungsmöglichkeiten gibt es nicht.
  4. Jugendschutz betrifft auch Erwachsene - denn sogenannte jugendgefährende Medien werden als so gefährlich eingestuft, dass auch Erwachsene sie nicht sehen dürfen.

Ich persönlich finde das befremdlich: Irgendjemand entscheidet - ohne jede demokratische Legitimation - was gut für mich ist. Irgendjemand entscheidet was gut für meine Kinder ist - und dass nach Regeln, die ich weder überprüfen noch verändern kann.

Sicher - eine Einschätzung der Filme und Bücher in Altersklassen kann Sinn machen. Ich persönlich fände es besser wenn Eltern sich hier mehr auf ihre eigene Meinung verlassen würden - und sich in zugehörigen Foren gegenseitig beraten oder schlicht Filme selbst sehen, bevor sie diese ihren Kindern zeigen. Aber ich gebe zu, dass dies  spätestens beim Fernsehprogramm schwierig wird. Also können Alterskennzeichnungen helfen. Aber: Die Umsetzung und Überprüfung dieser Freigaben muss immer durch die Eltern erfolgen. Es gibt Filme mit einer "Empfehlung ab 12 Jahren" die ich 12-jährige niemals sehen lassen würde - und andersrum Filme die ich problemlos auch 10-jährigen zeigen würde. Allerspätestens dann wenn Eltern oder ältere Geschwister daneben sitzen und schwierige Szenen erklären können.

Bei Filmen wird dies kaum hinterfragt - im Internet braucht es nach Meinung mancher Politiker jetzt plötzlich Zwangskontrollen?

Und ja, ich sehe ein, dass mir die notwendige Fachkompetenz fehlt um einschätzen zu können, ob es tatsächlich 'jugendgefährdende Medien' gibt. Falls es diese gibt, muss man sie auch nicht in der Kinderabteilung der Videothek rumstehen lassen - auch okay. Damit kann ich leben - die meisten Videotheken haben Erwachsenenabteilungen. Zum allergrößten Teil steht darin meiner Meinung nach Schrott, aber meine Meinung ist hier zum Glück nicht ausschlaggebend. Aber: indizierte Medien wird man dort nicht finden. Vorausschicken sollte ich vielleicht, dass ich noch nie in meinem Leben das Verlangen danach hatte, einen indizierten Film zu kaufen (wie sollte ich auch von seiner Existenz erfahren? Indizierte Medien dürfen ja in keiner Weise beworben werden). Indizierte Medien dürfen weder in der Öffentlichkeit beworben noch Kindern und Jugendlichen zugänglich gemacht werden. Sie dürfen nicht an Kiosken oder im Versandhandel verkauft und nicht im Rundfunk (Radio und Fernsehen) gesendet werden, auf der Liste B dürfen sie dann letztendlich gar nicht mehr gehandelt werden. Warum nicht? Geht es beim Jugendmedienschutz nicht eigentlich darum Jugendliche zu schützen? Wie aber schütze ich Jugendliche wenn ich Erwachsenen den Konsum von Medien verbiete?

Ob mir die Machwerke gefallen ist eine ganz andere Frage - aber subjektive Kriterien wie "allgemeine Moralvorstellungen" oder "ästhetisches Wohlbefinden" sollten in einer Prüfung keine Rolle spielen. Das sie es dennoch tun zeigt schon die Aussage der Vorsitzenden der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien Elke Monssen-Engberding: 

Mit unseren Beisitzern erfassen wir den momentanen gesellschaftlichen Wertekonsens.

Süddeutsche vom 23.06.2004

Von einer objektiven Prüfung kann dann keine Rede sein - die Medien kommen übrigens 25 Jahre lang auf den Index, bei der erneuten Überprüfung kommt es regelmäßig zu Verwunderung warum etwas gesperrt wurde (prominentes Beispiel: Die Tarzan-Comics weil sie die Jugend aufstacheln würden). Aber ganz abgesehen davon: Ist der Ansatz "wegsperren und wegsehen" überhaupt noch Zeitgemäß? Spätestens im Internet ist er nicht mehr praktikabel ohne dass eine massive Zensurinfrastruktur aufgebaut wird (bsp. Whiteliste zugelassener Seiten, Sperrung aller anderen Inhalte) - technisch ist es viel zu einfach normale Filtermaßnahmen zu umgehen, allerspätestens deshalb weil die meisten Jugendlichen sich mit ihren Computern deutlich besser auskennen als ihre Eltern ...

Jugendschutz kann viel sinnvoller durch BILDUNG und BETREUUNG erreicht werden - Bildung sowohl der Eltern als auch der Kinder (was allerdings nicht funktioniert, wenn Bildung nur noch als Ausbildung für den Beruf verstanden wird). Medienkompetenz an Schulen zu vermitteln, den Eltern zu erklären wie sie problematische Bilder mit ihren Kindern gemeinsam verarbeiten können oder wie sie auf seltsame Spiele ihrer Kinder reagieren könnten, all dies wäre viel sinnvoller als das bisherige Fire&Forget-Konzept im deutschen Jugendschutz.

Ich stimme der Politik zu: Jugendschutz ist wichtig. Er ist eine der zentralen Aufgaben einer Gesellschaft, denn Kinder und Jugendlichen können noch nicht auf sich selbst aufpassen. Aber Jugendschutz ist auch zu wichtig um ihn einem überalteten Konzept zu überlassen. Der Jugendschutz in Deutschland gehört grundlegend auf den Prüfstand. Oder besser noch: Er gehört vollständig neu aufgebaut. Unter Einbeziehung von Experten aus allen Bereichen und einem ständigen Reformanspruch. Jugendschutz darf in Zukunft weder zur Durchsetzung von Moralbegriffen noch als Begründung zur Zensur missbraucht werden - denn damit macht er sich einerseits angreifbar und schränkt andererseits die Bevölkerung unverhältnismäßig ein.

Jugendschutz ist Jugendschutz - und sollte auch genau dies sein.

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